* vor 1870
Kennst du den Bergsee, dessen
Wunderbläue
Die Königsschwinge reißt vom
Äther los?
Der wonnebange Aar vergeht in
Reue
Und stürzt hinab in seinen
kühlen Schoß.
Kennst du das Auge, dessen
dunkler Spiegel
Die Worte hemmt in ihrem
eitlen Flug?
Das Staunen drückt auf alle
Lippen Siegel
Und haucht mit tiefem Seufzer
sein Genug!
Kennst du das Herz
geheimnisvoller Kühle,
Das aller Wünsche Fittig zu
sich kehrt?
Daß Andacht selbst aus ihren
Himmeln fiele
Und sich der Buße
Wolkenschwung beschwert.
Gedanken weckt’s, die vor der
Sonne beben
Und zwischen Tod und Himmel
zweifelnd schweben.
* vor 1870
Du bist im Traume niemals mir
erschienen,
Du buhltest nie mit Faunen
meines Schlafs.
Die erste sonne spielt auf
deinen Mienen;
Des Himmels erstes Gold, dein
Auge traf’s.
Dem Schoß der Dinge segensvoll
entstiegen,
Betaut vom ersten, hohen
Morgenrot,
Sahst du die Welt in dumpfen
Fesseln liegen
Und fühltest tief des Lichtes
Heilsgebot.
In Tat und Pflicht dir Opfer
darzubringen
Entstammtest du den
huldbesonnten Stolz.
Du wußtest höher stets den
Kranz zu schwingen,
Indes dein Selbst in süßen
Wehen schmolz:
Cordelias Herz, Corneliens
Geistesbläue,
Lukretias keusche, wandellose
Treue.
* vor 1870
I.
Bist du’s, Beatrix?
Heißbeweinter Schatten,
Dem Herzen ewig nah, dem Arm
so fern!
Du schwebst im Mondlicht über
Silbermatten
Und ob dem Scheitel dir ein
blauer Stern.
Der Stern der Liebe ist es,
der dich krönet:
Am Saum der Welt ein lächelnd
Paradies,
Wo sich Erfüllung mit dem
Wunsch versöhnet,
Das Ziel der Himmelsfahrt, die
Leben hieß.
Dort thront im Schoß der
Gegenwart die Fülle,
Den Zeitenspiegel hält die
Ewigkeit;
Dort fällt des Staubgewandes
Wechselhülle
Vom Strahlenleib der alten
Herrlichkeit.
Erinnerung, dort glättet sie
die Fluten
Und wiegt uns ein in seliges
Vermuten.
II.
Wie Muschelsang verklungner
Erdenjahre,
So rauscht’s gedämpft aus
dieser grünen Flut.
Es taucht mein Haupt in
Schleier deiner Haare,
Indes mein Blick auf deinem
Bilde ruht.
Das Spiel der Wellen wandelt
deine Züge
Und reiht die Mienen, die du
einst belebt,
Bis allumfassend sich das
Wunder füge:
Die milde Göttin, der mein
Busen bebt.
Und wie die Wolken in der
Tiefe fließen,
So alles, was ich um dich
dacht’ und litt,
Die graue Sorge, goldenes
Genießen,
Die Sehnsucht, die durch
tausend Welten stritt.
Es war ein Herz, mit tausend,
tausend Armen,
An deiner Brust zu weinen, zu
erwarmen.
* vor 1870
Wie, alter Knabe, schon so
grau die Schläfe?
Doch freilich spann der
Jüngling Silber schon.
Ihm rann des Lebenstrankes
letzte Hefe;
Mir neigt den Becher jetzt
Anakreon.
Und glatter wölbt die Stirne
sich, die reine;
Der Blick ist’s, der die weite
Welt besonnt.
Im Goldgewand aus schwarzem
Wetterschreine
Prangt sommerblau sein tiefer
Horizont.
Auf junge Scheitel senken sich
die Hände
Und süßes Lallen schmeichelt
meinem Ohr.
Nach schwerem Lenz ein
fruchtendes Gelände;
Aus trübem Moor ein samtner
Gartenflor!
Und tief im Herzen des
Erinnerns Schätze:
Ein Glanzjuwel und volle
Perlennetze.
* vor 1870
Du holdes Kind auf meinem
Vaterschoße,
Du sollst mich lehren, was die
Engel sind.
Dein kleines Herz, das kaum
verhüllte, bloße,
Es war des Himmels schönstes
Angebind.
Ich neigte mich hinab zum
Lebensbronnen,
Da lächelte gedoppelt mir mein
Bild;
Und was die Scham verbirgt in
süßen Wonnen,
Es trat geheiligt vor der
Sonne Schild.
Und stünd’ ich dort in
schwersten Herzensnöten,
Und wäre Frevel auf mein Haupt
gehäuft:
Ein Blick von dir, ein
sittiges Erröten,
Es wirkte leicht, daß mir die
Gnade träuft.
Getrost, mein Liebling!
Reinigendes Bangen
Weckt mir dein Kuß, dein
zärtliches Umfangen.
* vor 1870
Ich füge Scherben eines
Geisterspiegels;
Ich blättre eines Schicksals
ganzes Buch.
Ich sonne mich am First des
Traubenhügels,
Die Heimat blitzt mir aus dem
Nebeltuch.
Ich reihe Perlen einer Schnur
von Seide,
Die meiner Wiege Hüter jäh
zerriß.
Sie dient im Sarg der Leiche
zum Geschmeide
Und folgt ihr in des Grabes
Finsternis.
Ich wasche eines Bildes
Sonnenzüge
Und kläre seiner Schatten
schwindend Grau.
Ich zähle eines Nestes
Wanderflüge
Und locke sie zum alten
Wipfelbau.
Ich harre meiner Nacht im
Sturm der Eichen
Und spähe meines Schicksals
Flammenzeichen.
* vor 1870
I.
Soll ich die Gottheit meiner
Andacht nennen?
Den Tempel, wo das Herz mir
überfließt?
Diana ist’s, wo duftend Halden
brennen,
Der Bergwald sich zu dichten
Schatten schließt.
Wo frei und üppig mich umgarnt
die Wildnis
Und unentweiht der Erde
Frühlingsschoß,
Beschwört mein Geist der
herben Hoheit Bildnis
Und klaget Nymphen ein
entartet Los.
Mag Purpur an beschwerter
Tafel zechen
Und in des Marmors dumpfe
Kerker fliehn,
Den Laib des Hirten will ich
segnend brechen,
Der Quelle Labsal dürstend in
mich ziehn,
Und mit des Neugebornen frohem
Stammeln
Die Blütengabe reinen Opfers
sammeln.
II.
Verhaßte Kuppeln, die von
Golde strahlen;
Des eingemauerten Geschlechtes
Stolz!
Das Morgenrot beleuchtet eure
Qualen
Und jeder Tag spannt euch aufs
Marterholz.
Er schleift das Elend keuchend
durch die Gassen,
Hohlwangige Gespenster ihrer
Gruft;
Von ihrem Schweiß läßt er die
Lüste prassen
Und füllt mit Seufzern die
bequalmte Luft.
Und du, o Markt der
Flitterherrlichkeiten,
Um den sich Gier und Neid
begaffend drängt,
Ihr, Prunk und Glanz und
schnöde Eitelkeiten,
Erstickender Genuß, in Haß
gezwängt:
Ich lache eurer von den blauen
Gipfeln
Und bette meine Ruh’ zu hohen
Wipfeln.
III.
Die Quelle nur genießt des
holden Reizes
Der strengen Göttin, die den
Küssen gram.
Die Lockung wächst im Banne
solchen Geizes;
Denn wen verführte nicht die
herbe Scham?
O Seele, flieh! vertraue nur
den Liedern
Den schnelleren, den bangen,
müden Schlag.
Du tauchst hinab mit keuschen
Liebesgliedern
In weicher Rhythmen Flut am
hohen Tag.
Laß keinen Frager deine
Nacktheit schauen!
Dein Buhler sei der Wind, die
Welle Magd,
Die Wolke Botin, deine Wohnung
Auen,
Dein Ruhebett der blumige
Smaragd;
Und in der Dichtung
kühlend-blankem Spiegel
Gewahre deiner Bildung
himmelssiegel.
* vor 1870
Ein Schattengeist, das
Meisterstück der Nächte,
Schwebt grinsend über goldne
Kuppeln hin.
Die Fackel qualmt um die
gesenkte Rechte
Und schwärzt der Mittagshelle
Baldachin.
Wer sah, ein Pechgewölk, das
Ungeheuer?
Wer sah das Harz, das siedend
es geträuft?
Die Nattern, die auf Boden und
Gemäuer
Es, schwarz und ekel und
beseelt, gehäuft?
Sie schlüpfen schleichend in
die heißen Herzen
Und ringeln sich in Schläfen
schwarz wie grau,
Sie zischen laut um
tiefgebrannte Kerzen
Und betten sich am Pfühl der
schönsten Frau,
Bis aufgeflammt die werbende
Verschwörung
Und Asche stäubt auf Leichen
und Zerstörung.
* vor 1870
Ja, du bist reich! dir funkeln
schwere Schätze;
Es klirrt von Erz dein plumpes
Marmorhaus.
Doch bist du bleich und in der
Ärzte Netze
Und trinkst Arzneien um
Arzneien aus.
Und wie du schwatzest! Fieber
auf den Wangen,
Beklügelnd deines Herzens
bittre Not.
Es soll dein Gast aus
Silberschüsseln langen
Die faule Traube und das
Madenbrot.
Den Himmel daure deiner
Jammerkinder!
Und wie der Diener Schwarm so
finster blickt!
Es klingt dein Wort verlegen
und gelinder,
Wenn es sie schmeichelnd an
die Esse schickt.
Wo ist dein Herr? Daß an das
Tor er schlage
Und Purpur dir auf frohe
Wangen jage.
* vor 1870
Das dritte Reich, wird je sein
Glanz uns kommen?
Das helle Reich der sündelosen
Kraft,
Das Vaterland der Tapfern und
der Frommen,
Der selbstlos-opferfrohen
Leidenschaft?
Ein stolzes Herrschen und ein
willig Dienen;
Der Menschheit Adel aller
Zukunft Ziel.
Natur allein verleiht der
Hoheit Mienen,
Die Pflicht wird Lust und frei
der Wette Spiel.
Die Götter wandeln durch der
erde Garten;
Den Mittagsschläfern tönet
Pans Schalmei.
Der Liebe Fülle segnet so sich
paarten
Und sonnenwärts wird jede
Seele frei.
In süßer Sattheit lösen sich
die Glieder
Und alles schenkt des Himmels
Rad uns wieder.
* vor 1870
Germania, bekränzt mit
Eichenlaube,
In Stahl geschnürt die edle
Heldenbrust:
Vom Gold der Ähren, vom Topas
der Traube
Lenkst du aufs hohe Meer die
Augenlust.
Die See zu pflügen segelfrohen
Kieles
Und heimlich ankern in
jedweder Bucht:
Dem schwoll dein Wunsch im
Bann des Wogenspieles
Und träumend langst du nach
des Wipfels Frucht.
Dem eignen Boden ernte
abzuringen,
Behaupten wider aller Stürme
Neid,
Zur bleichsten Ferne trotzig
vorzudringen,
In Leid und Sieg getreu dem
Herzenseid,
Pflug, Anker, Schwert aus
einem Eisen schmieden
Ist deutsche Art, und Recht
ihr Seelenfrieden.
* vor 1870
Dem Genius der Stoffe gilt das
Staunen,
Die Hoffnung des Jahrhunderts,
das sich jüngt.
Er spottet aller Schätze der
Alraunen,
Des Steins der Weisen, der mit
Golde düngt.
O Wunderkraft, die
unvergeudlich spendet
Und durch Äonen unerschöpflich
fließt,
Der Elemente Lettern wandelt,
wendet,
Und neu die Schrift des alten
Rätsels gießt!
Im Reich der Geister grüßt
dich nur Miskennen;
Um trocknes Brot sind deine
Zauber feil,
Und Tränen, Zornglut,
neidbehauchtes Brennen
Im Leben schwächen dein
unsterblich Teil.
Doch deiner Gruft entsprudeln
heiße Quellen,
Die jugendlich ein müdes
Hoffen schwellen.